Unternehmensstrategie und digitale Souveränität
Helmut Krcmar, TUM:
„Unternehmensstrategien und digitale Souveränität“
- Zusammenspiel von Abhängigkeit, Souveränität und Autarkie prägt Unternehmensstrategien; Ziel: Wahlmöglichkeiten bewahren.
- Hyperscaler (Cloud-Backbone) haben nur ca. 15 % EU-Anteil; Gigafactories (5 Standorte, je ~100.000 KI-Chips) als europäische Antwort für Industrie, Forschung und Staat.
- Keine vollständige Autarkie möglich; Abhängigkeiten bestehen auf mehreren Ebenen (Lieferanten, Drittparteien).
- Zentraler Konflikt: Cloud Act vs. europäisches Datenrecht; EU-Rahmenwerk enthält keine Regelungen zu Chips.
- Drei Infrastruktur-Strategien:
- Hyperscaler nutzen, welche vorhanden sind
- EU-Only für maximale digitale Souveränität
- Hybrid/Multicloud
- Europa fehlt es an eigenen Rechenzentren und Chips, um digitale Souveränität zu sichern.
- Abhängigkeit von externen Anbietern (z. B. Microsoft) steigert Kosten und Risiken; Alternativen sind dringend nötig.
- Höchstes Risiko: Unterbrechung der IT- und Supercomputing-Infrastruktur.
- Die staatliche Kontrolle von Supercomputern erfordert klare Strategien: mehrere Großrechner, Outsourcing von Workloads, Vielfalt zulassen.
- Investitionen müssen mit Haushaltsmitteln vergleichbar und vertretbar sein.
- Rechtliche Rahmenbedingungen und konservatives Risikomanagement in Deutschland erschweren schnelle Anpassungen.
Empfohlene Maßnahmen für Unternehmen
- Abhängigkeiten aufdecken und managen:
- Politisch: verpflichtende systemische Offenlegung
- Unternehmerisch: dual sourcing, Open Source, zweite Lieferanten für kritische Komponenten
- Souveränität als Board-Kriterium berücksichtigen.
- Workloads klassifizieren und Zielarchitektur festlegen.
- Heute aktiv werden: unternehmerisches und politisches Risikomanagement, um Abhängigkeiten zu minimieren.
Unternehmerische & politische Ansätze
- Risikomanagement als entscheidender Hebel; Plan B und Radial-Flank-Strategien sind notwendig.
- Neue Zulassungen könnten an die Verpflichtung zur Souveränität gebunden werden.
- Europäische Strategie: interoperable Standards, dual sourcing, Open Source, Innovationsökosystem fördern.
- Verschiedene europäische Komponenten und Ansätze für das Supercomputing kombinieren, um Abhängigkeiten zu reduzieren.
Robert Jozic, Dieter Schwarz Digital GmbH: „STACKIT Cloud als europäisches Beispiel für digitale Eigenständigkeit“
Digitale Souveränität & Eigenständigkeit
- Viele deutsche Unternehmen entsprechen digital eher dem Stand von Entwicklungsländern.
- Jurisdiktion (z. B. US-Zugriff, US-Clouds) ist ein zentrales Risiko; das heutige System ist zu fragil.
- Souveränität = Wahrung der Entscheidungsfreiheit; der stärkste Hebel für digitale Eigenständigkeit.
- Teilsouveränität (SEAL Level 4) als realistisches Ziel, nicht als vollständige Autarkie.
- Kernbereiche für Souveränität: Clouds, Cybersecurity, Data & AI, Kommunikation, Workspace.
- Ökosysteme aus vertrauenswürdigen Vertragspartnern fördern Souveränität und verbinden Wissenschaft und Wirtschaft.
Technologie & Infrastruktur
- Cloud-Prinzipien: Security by Design, sichere Datenräume, neue Technologien in sicheren Ökosystemen.
- Software ist ein Bottleneck bei Cloud-Anlagen; Open Source erleichtert die Anschlussfähigkeit und verringert die Abhängigkeit von marktbeherrschenden Anbietern.
- US AI Action Plan (Juli 2025) als Referenzpunkt; deutsche Initiativen z. B. Stackit (Schwarz Gruppe) oder IPAI (Heilbronn).
Wertschöpfung & Investitionen
- KI-Wertschöpfung erfordert Fokus; ein hoher Differenzierungsspielraum in jedem Schritt bis zur Anwendung.
- Investitionen in Grundlagenforschung sind wichtig, um Talente zu gewinnen.
- Interaktionen mit europäischen Unternehmen stärken die Souveränität.
- Brain Drain und fehlendes Investment als kritische Defizite.
Strategische Empfehlungen
- Nicht von Null auf volle Souveränität gehen, sondern Schritt für Schritt auf SEAL-4-Niveau hinarbeiten.
- Entschlossenheit und gezielte Investitionsentscheidungen in Cloud, Data & AI sind entscheidend.
- Nutzung von Open Source und interoperablen Standards als Mittel gegen Marktdominanz.
Diskussion
Bedeutung von Open Source
- Open Source als Differenzierungsmerkmal gegenüber Hyperscalern.
- Ermöglicht Anschlussfähigkeit, niedrigschwelligen Markteintritt und Kooperation statt Konkurrenz.
Investitionen & Innovation
- Fokus auf Innovation und Zukunftsthemen bei Investitionen ist entscheidend.
- Talentförderung muss integriert werden.
- Langfristige Planung und Risikobereitschaft sind erforderlich; die europäische Wirtschaft muss Cloud-Probleme selbst lösen.
Wettbewerb & Marktstrategie
- Freies Wirtschaftssystem basiert auf Wettbewerb; Großinvestoren in den USA behindern teilweise den effizienten Betrieb.
- Differenzierungspotenziale erkennen und mithilfe von Software-Stacks in die Anwendung bringen.
- Die Umsetzung scheitert oft an der Bürokratie; die Substanz muss zuerst geschaffen werden.
- Strategien: Differenzieren, alternative Positionen gegenüber Monopolen einnehmen, Zusammenarbeit in Software-Stacks fördern.
Sai Narasimhamurthy, ParTec AG: „Sustaining Europe’s Leadership in Advanced Computing through Community engagement and co-design“
This talk reflects on ParTec AG's experiences and illustrates how collaboration across research, industry, and public initiatives can drive technological leadership in Europe.
At the center of this is the dynamic Modular System Architecture (dMSA)—an innovative approach to building scalable HPC and AI supercomputers. Originally developed in Germany through close collaboration between ParTec and the Jülich Supercomputing Center (JSC), the dMSA has evolved into the architectural foundation for a number of Europe’s most powerful systems, including the continent’s largest operational HPC and AI supercomputer, culminating in JUPITER, the first Exascale-class system.
The talk highlights how this architecture has been shaped and expanded through a broad European innovation ecosystem. Collaborative research initiatives—including the DEEP and SEA [9] project families—have advanced modular supercomputing concepts and enabled the integration of emerging technologies. Together with the associated software stack, the ParaStation Modulo Software Suite, these architectural principles now also enable the integration of quantum computing systems with classical HPC/AI infrastructures.
Building on these foundations, ParTec continues to apply the lessons learned in new initiatives such as DARE [10], which aims to establish a RISC-V–based European supercomputing ecosystem [11], and SEANERGYS [12], focused on energy-efficient software stacks for future HPC systems. The same collaborative model is now also being applied to consult on and co-develop the next generations of AI infrastructure in Europe, working closely with partners and customers from the onset.
Active engagement with the European HPC community—through organizations such as ETP4HPC [13] and the EuroHPC Joint Undertaking’s Research and Innovation Advisory Group (RIAG)—has ensured continuous dialogue with stakeholders and policymakers shaping Europe’s advanced computing roadmap.
Ultimately, the talk argues that Europe’s strength in advanced computing lies in its community-driven approach, bringing together industry, research centers, policymakers, and users to co-design the next generation of supercomputing systems.
Zentrale Themen & Entwicklungen
- Zusammenarbeit zwischen Forschung, Industrie und öffentlichen Initiativen ist entscheidend, um Deutschland und Europa in Advanced Computing & R&I voranzubringen.
- ParTec: Entwicklung von Extrascale-Systemen hin zu souveränen AI-Datenzentren; EU Strategic Advisory beteiligt.
- dMSA (dynamic Modular System Architecture): modulare, dynamische Ressourcenzusammensetzung → verbessert Skalierbarkeit, Leistung und Energieeffizienz; Grundlage für den Supercomputer JUPITER in Deutschland.
- Modulare Architektur ermöglicht die Anpassung an verschiedene Anwendungen, verbessert die Effizienz und bietet Erweiterbarkeit, bringt jedoch hohe Komplexität mit sich.
- Softwareentwicklung erfordert Konsortien; enge Zusammenarbeit mit großen Forschungszentren (auch außerhalb Europas) verbessert die Anpassung an Anwenderbedürfnisse.
- dMSA-Learnings sind auf AI-Datenumgebungen übertragbar → „modulare“ AI-Fabriken in Entwicklung.
- Kontinuität und langfristige Finanzierung sind entscheidend, um Ideenverlust bei Projektwechseln zu vermeiden.
- Community-Engagement, Kollaboration und Co-Design sind essenziell, um nah an aktuellen R&I-Projekten zu bleiben.
Diskussion & Herausforderungen
- Open Innovation ist nie vollständig offen, da Akteure eigene Anforderungen haben; die Standardisierung ist schwierig.
- Vergleich mit Indien: Regierungsseitiger Anstoß entscheidend, Zusammenarbeit wichtig, da lokale Quantum-Unternehmen fehlen.
- Fehlende Rechenzentren in Europa; mehrere Großrechnerstandorte und digitale Souveränität sind notwendig.
- Abhängigkeit von Hyperscalern → steigende Kosten; Bedarf an Alternativen und „Plan B“.
- Outsourcing von Workloads und Vielzahl an Anbietern nötig; unternehmerisches Risikomanagement und Risikobereitschaft entscheidend (höchstes Risiko: Unterbrechung).
- Staatliche Verantwortung für Supercomputing; langfristige Investitionen und Optimierung entlang des gesamten Stacks erforderlich.
- Open Source nützlich, aber Standardisierung bleibt Problem
Diskussion und Zusammenfassung Unternehmensstrategie und digitale Souveränität
Zentrale Entwicklungen & Konzepte
- Collaborative Research Initiatives (z. B. DEEP- und SEA-Projekte) fördern modulare Supercomputing-Konzepte sowie die Integration neuer Technologien.
- Europas Stärke liegt in der gemeinschaftsgetriebenen Herangehensweise: Industrie, Forschung, Politik und Anwender arbeiten zusammen, um die nächste Supercomputing-Generation zu gestalten.
Herausforderungen & Empfehlungen
- Bürokratie als zentrales Hindernis; zuerst Substanz schaffen, bevor Verwaltungsprozesse dominieren.
- Talentförderung und Innovationsfokus sind entscheidend.
- Kooperationen und Flexibilität sind notwendig; die europäische Wirtschaft soll als Treiber im Cloud-Markt agieren.